• Net Life, Reality Check

    Veröffentlicht am
    25. Oktober 2007

    Von Konstantin Klein

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    …wohnen, ach, in meiner Brust (J.W. von Goethe), oder: Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern? (unbekannt, evtl. K. Adenauer)

    Aber ganz von vorne: Von Januar bis Juli 2006 war ich intensiver Nutzer von Google Mail (oder, wie wir early adopters gerne sagen: Gmail), wickelte mein gesamte Mailerei darüber ab, und grad pfundig war’s (L. Trenker). Dann, nicht ganz, aber doch fast von einem Tag auf den anderen, war Schluss mit lustig, und ich verabschiedete mich komplett von Gmail. Unter den Gründen die mangelnde Unterstützung meines Lieblings-Mailprotokolls IMAP, mit dem ich Gmail auch mit einem Mail-Client wie Opera Mail oder Apples eigenem Mail.app hätte betreiben können, aber vor allem:

    …ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken, dass meine Mail irgendwo auf der anderen Seite der Welt gesammelt und indiziert wird. Nicht, dass ein Maildienst in Europa oder die Mailfunktion des gemieteten Servers sehr viel sicherer wären - aber dort werden die Daten nur gespeichert, nicht auch noch verarbeitet.

    Vor allem letzteres hat mich gestört: dass Google die Mail von einer Maschine indizieren und (u.a.) für die kontextsensitive Werbung auswerten lässt. Auf fremden Servern gespeichert (und damit theoretisch wie praktisch Zugriffen z.B. von Behördenseite ausgeliefert) ist jegliche Mail, egal, wie der Provider heißt.

    Zurück in die Gegenwart: Zu meinem demonstrativen Auszug aus der Gmail-Welt nebst konsequentem Google-bashing gehörte der lautstarke Umzug in eine kleine, aber unabhängige community irgendwo im schönen Texas. Ich konfigurierte dort meine Mail nach Herzenslust, liess immer noch alles auf dem Server, aber es störte mich nicht, weil der Einzige, der sich dort darum kümmerte, ich selbst war. Ich hatte weder Angst vor europäischen noch vor amerikanischen Heimatschützern, weil ich, wohl zu Recht, annahm, dass alles, was ich dort tat, unter dem offiziellen Radar durchging.

    Schade nur, dass kleine Server auch nur kleine Leistung bringen, und dass man in der community auf die Hilfe anderer angewiesen ist, sie aber nicht einfordern kann.

    Wickle ich also meine Mail inzwischen längst wieder über einen kommerziellen Dienst ab (via IMAP, versteht sich!), und die einst unabhängige, inzwischen kaum noch genutzte texanische Mail-Adresse ist seit gestern aus Gründen von Performanz und Zuverlässigkeit auf - Achtungachtung! - Gmail umgeleitet (.forward ist Dein Freund!) - weil sowieso nichts relevantes dort zu finden ist, weil das Gmail-Interface nach wie vor genial ist, und weil Gmail demnächst auch für meinen Account IMAP-fähig wird.

    Ja, Gmail ist bei den Webmail-Anbietern technisch wieder ganz vorne - und bei den Web-Applikationen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulationen, Präsentationen) auch, was mich nach einem Jahr konsequentem Google-Ignorieren (wenn wir von Google-Suchen und Google-Maps absehen) doch sehr überrascht hat. In der Hinsicht bin ich wohl der letzte, der den Weg von heimischen hin zu netzbasierten Anwendungen gezeigt bekommen hat - quasi IMAP für Büroanwendungen. Manchmal lebt man eben unter einem Felsbrocken.

    Das grundsätzliche Problem bleibt: Meine Daten, ob nun Mail, Text oder Tabelle, liegen bei Nutzung dieser Dienste dort, wo ich sie nicht bis ins letzte kontrollieren kann. Sie liegen bei einem Anbieter, der in Sachen Kunden-Datenschutz ein, sagen wir, widersprüchliches Bild abgibt. Aber sie sind überall verfügbar, und sie lassen sich in einer Art be- und verarbeiten, wie sie dem Durchschnittsuser vollauf genügt.

    Ich sehe Google nicht als meinen künftigen Lieblingsprovider für alles - dazu ist mir das Google-bashing inzwischen zu sehr zur Gewohnheit geworden, und die sogenannten sensitiven Daten habe ich doch lieber da, wo ich sie sicher glaube. Aber das, was Google uns da vormacht, ist schlicht die künftige Art der Arbeit mit dem Rechner, bald so oder so ähnlich auch von anderen angeboten. Und Anbieter von Desktop-Software können sich warm anziehen.

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    Dieser Eintrag wurde am 25. Oktober 2007 um 23:11 veröffentlicht und unter Net Life, Reality Check abgelegt. Sie können der Diskussion unter RSS 2.0 folgen. Sie können kommentieren, oder einen Trackback von Ihrer Seite schicken.
  • 9 Kommentare

    Lesen, was andere zu sagen hatten.

    1. Das kratzt genau an dem grundlegenden Problem, dass (anscheinend) zeitgemäße Komfortfunktionen unserer gesamten Kommunikation zunehmend nur noch unter Preisgabe der Datensicherheit und des Schutzes persönlicher Daten zu haben sind.

      Wenn dem so ist, ist es tatsächlich jedermanns persönliche Entscheidung, ob er den Komfort wählt oder die Privatheit und Sicherheit seiner Daten.

      Ich neige längst in Richtung Sicherheit und muss nicht jeden Komfort mitnehmen. Letzten Endes ist Komfort doch nur die Einführung von neuen Merkmalen, ohne die es vorher auch ging. Das macht die Verlockung aus.

      “Nutzen Sie Hmail und verwalten sie gaaanz einfach und sicher Ihre E-Mails von überall auf der Welt” (Klar, wir verwalten natürlich zu unseren Zwecken ein bisschen mit …)

    2. Heißt das nicht H-Milch? (Und er grinste schelmisch in sich hinein)

      Mal abgesehen davon, dass ich soeben den altmodischsten Smilie von allen erfunden habe: Mir fällt immer wieder auf, dass alle eigenen Versuche, Daten sicherer zu machen, letztendlich vergeblich sind, solange

      man nicht wirklich einen eigenen Mail-, Webmail- und Fileserver betreibt
      andere dazu neigen, ihre Adressbücher auf ungepatchten Windows-Möhren zu betreiben
      pro Jahr sich vielleicht einer oder zwei bereit finden, sich das Prinzip von Datenverschlüsselung auch nur ansatzweise erklären zu lassen
      der Mensch nicht ab und zu von fremden Rechnern aus auf die eigenen Daten zugreifen müsste
      etc.

      Oder anders ausgedrückt: Nach dem Stand der Dinge gibt es keine absolute Datensicherheit. Und jeder muss für sich selbst entscheiden, wie Boris es auf den Punkt gebracht hat: wie wichtig ist mir mein ganz persönlicher Datenschutz?

    3. Schade nur, dass du dich von der Community abgewandt hast und ausgerechnet zu Google gehst. Die Performance-Probleme beim Hosting kann ich ja verstehen, aber Mails funktionieren eigentlich die meiste Zeit problemlos in der Festung.

      So langsam zweifle aber auch ich am Sinn meiner Standhaftigkeit: Was nutzt es, wenn ich nicht zu Google will, aber die meisten Mails trotzdem dort landen, weil mittlerweile ein Großteil der Freunde den Dienst nutzt?

    4. Wahrscheinlich müsste ich nur die Zeit haben, mich um die Mail wieder mehr zu kümmern. Es ist aber leider so, dass abgehende Mail zu bestimmten Hostern regelmäßig zunächst Fehlermeldungen produzieren und danach erst nach vier Stunden zugestellt werden. Und es ist so (auch das wahrscheinlich nur eine Konfigurationssache), dass die von WordPress erzeugten Mail über eingegangene Kommentare zum Teil erst nach Tagen auf dem SDF-eigenen Account einlaufen. An andere Accounts geht sie dagegen sofort - an der WP-Installation kann es also nicht liegen.

      Nun habe ich die Zeit aber nicht - wirklich nicht (sieht man ja auch an der Beitragsfrequenz hier).

      Natürlich hast Du Recht, was die Desertion angeht - etwas mehr Standhaftigkeit wäre wohl nicht falsch. Aber das ultimative Argument lieferst Du selbst: Die meisten Mails landen ja sowieso bei den Googles, den GMXen und weiteren unkontrollierbaren Maildiensten. “Klingt komisch, ist aber so.” (P. Lustig)

      Alle Jahre wieder kommt einer und verkündet, dass E-Mail als Protokoll, Dienst und Anwendung kaputt ist. Wahrscheinlich ist es mal wieder so weit…

    5. Gut, die Zeit hat keiner, das sehe ich ein. Aber dann zieh mit blueletric.org um und lass die Mails bei SDF. Das funktioniert für mich wunderbar.

      Mein “ultimatives Argument” sollte allerdings von uns dazu genutzt werden, das Bewusstsein der anderen auf die eigentliche Problematik zu lenken — anstatt sie (die Problematik) selbst zu ignorieren.

    6. Und noch etwas: Hieß es nicht noch im Juli , dass die GMXen und wie sie alle heißen die Mails zwar analysieren, aber nicht speichern?

      Der einzige wirklich unkontrollierbare Maildienst ist GMail — schon deshalb, weil er vom Ausland aus betrieben wird.

    7. Umgekehrt: speichern, aber nicht analysieren. Wird jedenfalls behauptet - Google gibt als einziger zu, Mail automatisch zu analysieren. GMX dagegen serviert mir Anzeigen, die auf meine Interessen zugeschnitten sind. Wie machen die das?

      Mir ist klar, dass es so etwas wie ein Gratis-Mittagessen nicht gibt. Google wie auch alle anderen wollen, müssen und (von mir aus) sollen mit ihren Diensten Geld verdienen. Das geschieht entweder direkt (gebührenpflichtige Dienste) oder indirekt (Werbung). Dass sich aus allen fremdgespeicherten Mails auch Profile erstellen und verkaufen lassen, ist mir klar. So gesehen, müsste ich meinen ollen Cube zum Mailserver machen und die DSL-Leitung 24 Stunden am Tag stehen lassen - dann hätte ich Kontrolle über meine Mail.

      Dass GMail unkontrollierbar sei, weil er im Ausland ist, halte ich dagegen für ein weniger gültiges Argument.

      Der Umzug des Weblogs ist übrigens beschlossene Sache. Vorher habe ich aber noch ein paar andere Dinge zu tun. Und die Mailprobleme in der Festung haben damit ohnehin nichts zu tun.

    8. Update: Der Umzug war beschlossene Sache - jetzt ist er bereits Geschichte. Mit einem selbstverwalteten Domainnamen war es nur die Frage eines Datenbank-Dumps, diverser FTP-Aktionen, ein wenig Rechte-Gefrickel (das bei Installationen - im Gegensatz zu Kopien - gar nicht vorkommt) und eines geänderten DNS-Eintrages, und schon kommt bluelectric.org wieder aus Deutschland statt aus Texas. Performance-Probleme sind jetzt wohl Geschichte.

      Und damit kann ich mich - bei Gelegenheit - wieder dem Mailproblem in der Festung widmen.

    9. [...] NYT-Artikel führt ebenso wie die schon lange andauernde, auch hier stattfindende Diskussion über Googles Datensammelei, ethisches Verhalten und internationale [...]

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