Mrz 10 2008

Social Porn Weblog

Abgelegt von Konstantin Klein um 08:14 unter Inside the Beast, Net Life, Tech Nation

Nebenan steht seit etwa einem Monat ein Bauzaun. Dahinter hämmert, flext und poltert es gelegentlich; dazwischen herrscht wieder Stille. Nachdenkliche Stille, Tage, in denen ich nochmal heftig nachdenke, was dort, hinter diesem Bauzaun, eigentlich entstehen soll. Ausgangspunkt war ein Weblogeintrag von Weihnachten 2006, in dem es heißt:

Wer nach Alternativen zum Weblog oder anderen Formen des grassroot journalism sucht, kann kein Weblog nebenher betreiben. Es kostet zuviel Zeit, verführt dazu, in den bewährten und inzwischen etwas ausgelatschten Bahnen zu denken und zu schreiben, stellt keine Herausforderung mehr dar und ist somit nichts als eine Sache der Bequemlichkeit.

Deswegen ist jetzt Schluss… Die Suche nach neuen Formen beginnt erst, und sie wird auch unter der Domain bluelectric.de stattfinden… Bluelectric II wird kein fertiges Produkt sein, es wird ein Experiment sein, es wird hoffentlich ein interessanter Ort zum Vorbeigucken sein, aber eins wird es nicht sein: ein Weblog.

Kurz darauf folgte dann ein Text voller guter Ideen, der im Sommer 2007 auch an dieser Stelle zu finden war. Und seitdem?

Nickes. Nada. Zilch.

Inzwischen werden diejenigen immer lauter, die dem Weblog an sich noch höchstens 10 Jahre Lebenszeit geben (gar nicht so schlecht - an dieser Stelle findet der Kram ja erst seit siebeneinhalb Jahren statt!); inzwischen beschäftigen sich selbst die alten Zausel™ unter uns mit 2.0-Spielkram. Und so langsam dämmert mir: Bluelectric II Oder Die Zukunft Des Personal Publishing ist schon längst da. Hier, vor meinen rotgeränderten Augen.

Die These: Im Zeitalter bunter Sammel- und Spielseiten wie Facebook oder MySpace, die den Schwerpunkt von der Veröffentlichung auf den Austausch von Lebensäußerungen verschieben, sind Weblogs eine vergleichsweise schmale Einbahnstraße. Das Einbahnstraßenhafte wird durch leichte Interaktivität (Kommentare!) gemildert, die Schmalheit (ist das überhaupt ein Wort?) durch die praktische Anwendung von RSS & Co., in Feedsammeleien wie FriendFeed. Darüber hinaus sind Weblogs an sich doch schwerfällig (hätte ich nie gedacht, dass ich mal einen solchen Satz hinschreiben würde!).

Die Antithese: Gerade auf der Basis von RSS-Technologien lassen auch Weblogs sich ganz prima vernetzen und stehen deshalb der Konkurrenz von Facebook & Co. alles andere als hilflos gegenüber.

Der Beweis: Diese Seiten, um nur ein, noch nicht mal sonderlich strukturiertes Beispiel zu nennen. Der Inhalt dieser Seiten findet sich in einem Feedreader Ihres Vertrauens, sowie als Link, z.T. mit Teaser in jedem beliebigen 2.0-Spielzeug (derzeit u.a. FriendFeed und Facebook - das automatische Posten von Links zu Twitter erspare ich mir und der Welt). Umgekehrt finden sich hier meine Twittereien und Links zu Artikeln, die ich im Feedreader der Fa. Guglrieder als interessant markiert habe. Und das ist nur der Anfang.

Mal sehen, wie sehr sich ein Weblog vernetzen lässt, bevor die Sache unübersichtlich und nervig wird. All das ist ein Live-Experiment, und was davon schiefgeht, ist auch rasch wieder vom Sender genommen.

Redaktionelle Anmerkung: In der linken Spalte der Hauptseite finden sich Links zu den diversen Feeds, die von hier aus bedient werden. Und dort findet sich auch ein unauffälliger Hinweis auf ein Tumbleblog, dass versuchsweise in diesem bunten Zirkus mitspielen soll. Und auch das hat natürlich einen RSS-Feed.

RSS rulez. Um mal was ganz Kluges ganz doof auszudrücken.

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5 Kommentare zu “Social Porn Weblog”

  1. Boris am 10. März 2008 um 18:21

    Ein wesentlicher Unterschied zwischen den genannten “Sammel- und Spielseiten” (die für mich eher so etwas sind wie “Händi-Onlineersatz”) und Weblogs besteht darin, dass erstere untrennbar mit den kommerziellen Interessen ihrer Betreiber stehen und fallen. Wenn die ein oder zwei betreffenden Konzerne etwas Neues entdecken zum Abgrasen von Kontakt- und Adressinformationen nebst persönlichen Profilen, werden die jetzt bekannten Seiten schneller verschwinden (oder in andere Hypes verwandelt), als man “Webzweipunktnull” sagen kann.

    M.a.W.: Weblogs sind so etwas wie eine “bottom-up”-Angelegenheit, die Soschel-Network-Plattformen sind “top-down”.

  2. Konstantin am 11. März 2008 um 04:05

    Und wer sagt, dass bluelectric.org nicht untrennbar mit meinen Interessen verbunden ist?

    Die Unterscheidung zwischen bottom-up und top-down mag ja richtig sein; das gilt aber nur so lange, wie es große Mühe macht, die beliebten Spielerchen der SN-Seiten selbst in der einen oder anderen Form zu implementieren. Wennes das SN zum Selberzusammenklicken auf dem eigenen Server/Webspace gibt, ist die Idee des SN auch nicht mehr von mehr oder weniger sympathischen Seiten abhängig.

  3. Boris am 11. März 2008 um 09:33

    Ja, aber ich denke, die Interessen hinter SNs und hinter bluelectric.org sind verschieden.
    Und Social Networks, die als Plattform quasi selbst- ober usergetrieben sind, wären eine andere Form von SNs. Interessanter Gedanke eigentlich. Warum gibts das nicht?

  4. joerg am 12. März 2008 um 23:03

    (Mei, die Fa. Guglrieder! Aus Schauberg im Landkreis Kaliforningen. Stelle ich mir jetzt bildlich vor: Google als alteingessene Meister-Eder-Werkstatt für handgedrechselte Suchergebnisse. Montags Ruhetag.)

  5. Konstantin am 13. März 2008 um 11:06

    @Boris: Ja, warum eigentlich nicht? Kann doch eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein.

    Ich erinnere mich, schon im Jahr 2002 (oder so) über eine handgestrickte Sammelblogplattform nachgedacht zu haben, damals auf der Basis von pMachine (Vorläufer von ExpressionEngine). Damals ist wg. Überarbeitung aller Mitdenkender nichts daraus geworden. Wenn ich mir angucken, wie leicht inzwischen derartige Plattformen mit Plugins erweiterbar sind, sollte es noch nicht so schwer sein, eine community-basierte SN-Lösung zu entwickeln.

    Frage nur: Wer machts?