Apr 18 2008

Nochwas, wg. Tita & Tito

Abgelegt von Konstantin Klein um 18:55 unter Culture Vulture, Reality Check

Nicht, dass mir mein Schweigen in der Sache Tito vs. Tita noch als schlechtes Gewissen des Journalisten oder gar heimliche Solidarisierung mit der einen oder anderen Seite ausgelegt wird…

Zunächst: Ich finde Sendungen wie Polylux reichlich überflüssig. Andererseits finde ich die Mehrheit der Sendungen im Fernsehen reichlich überflüssig; Polylux befindet sich da in guter Gesellschaft.

Dann, wie ein Journalistenkollege im oben verlinkten Beitrag so richtig schreibt:

Journalisten können veräppelt werden - was für eine Überraschung.

Es gehört zwar zum journalistischen Berufsbild, sich möglichst nicht veräppeln zu lassen, und die eine oder andere Technik, dieses Ziel zu erreichen, lernt man auch - im Volontariat oder eben später, durch Vorfälle wie diesen.

Journalisten sind aber nicht der Papst und können sich nicht auf ihre Unfehlbarkeit berufen - auch wenn es eine Reihe von Kollegen gibt, die da päpstlicher sind als der Papst. Und Journalisten sind - wie alle anderen Menschen - gelegentlich faul, nachlässig, überfordert. Dass es welche gibt, die aus Gebührengeldern bezahlt werden, macht aus ihnen noch keine oberste Instanz (auch so etwas, über das ich mich stundenlang auskotzen könnte: “Dafür zahle ich keine Gebühren!” Geh mir doch weg.).

Anders ausgedrückt: Jedem Journalisten, wirklich jedem, ist schon mal eine Story untergejubelt worden, die er im Nachhinein anders und, wenn’s geht, besser gemacht hätte. Die meisten der Kollegen hatten nur das Glück, nicht an selbstgerechte Arschlöcher wie das Kommando TvH geraten zu sein, die den Fehltritt dann genüsslich ausbreiten.

Der Kern der Sache ist doch ein ganz anderer: Polylux ist nicht Panorama. Polylux ist eine Unterhaltungssendung. Kein Mensch käme auf die Idee, einem TV-Mutanten wie Florian Silbereisen mangelnde Recherche vorzuwerfen oder Gottschalks Saalwetten auf ihre gesellschaftliche Relevanz hin abzuklopfen. Eine Polylux-Story hat mit dem realen Leben des Zuschauers so viel zu tun wie die Modestrecken der Cosmopolitan.

Ein Freibrief für, sagen wir: kreativen Journalismus?

Nö. Aber wenn wir uns mit den zugegeben schwieriger werdenden Bedingungen für Journalisten unter starkem Spardruck beschäftigen wollen, sollten wir mit den relevanteren, den Leitmedien beginnen. Hat da jetzt wer “Süddeutsche” gerufen?

Denn dort scheint es, der Berichterstattung im und über das Netz nach zu schließen, noch nicht einmal für einen DSL-Anschluss zu reichen.

Blogged with the Flock Browser

Tags: , , ,

  • del.icio.us
  • Digg
  • Google
  • Technorati
  • Facebook
  • TwitThis

9 Kommentare zu “Nochwas, wg. Tita & Tito”

  1. Torsten am 19. April 2008 um 18:12

    Der Kern der Sache ist doch ein ganz anderer: Polylux ist nicht Panorama. Polylux ist eine Unterhaltungssendung.

    Das soll heißen, Panorama ist in den letzten Jahren nicht zum Unterhaltungsmagazin mutiert? Die Wir-laufen-mit-dem-Mikro-einem-NPDler-hinterher-Nummer ist ernst gemeint?

  2. Konstantin am 19. April 2008 um 18:19

    Point taken. Auch unsere Politikmagazine verkommen gelegentlich zur Lachnummer, da nützt aller Qualitätsjournalismus nichts. Können wir uns drauf einigen, dass Polylux nicht die Tagesschau ist?

  3. Torsten am 19. April 2008 um 18:28

    Und auch nicht der Musikantenstadl :-)

  4. Parteibuch am 20. April 2008 um 18:16

    @Konstantin
    Glaubst Du wirklich, die Tagesschau würde das anders machen?

    In einigen Gebieten der Welt, nimm Gaza als Beispiel gibt es für solche Kunden, also vollseriöse Nachrichtenredaktionen extra Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, für jede beliebige Geschichte Leute zu organisieren, die passende O-Töne zu den Märchengeschichten der Nachrichtenredaktionen liefern.

    Glaubts Du etwa, die würden nicht zuerst den Plot machen und dann sehen, dass sie Bilder und O-Töne passend zu der Geschichte bekommt, die sie vorher am Reißbrett entworfen hat?

    Schau Dir mal an, was für Märchen die Tagesschau genau wie der Rest der Medien den ganzen lieben langen Tag aus aller Welt bringt. Im Parteibuch haben wir uns die Mühe gemacht, mal ein paar Beispiele aufzuzeigen:

    http://www.mein-parteibuch.com/blog/kapitel/tagesschaude/

    Gruß

    Ein Katzenfreund

  5. Konstantin am 20. April 2008 um 18:26

    Es ist immer wieder faszinierend, zu sehen, welche Vorstellungen man auf der anderen Seite der Mattscheibe von der Arbeit einer Nachrichtenredaktion hat (ich spreche/schreibe da mit einer gewissen Erfahrung, da ich die letzten zwölf Jahre als Zulieferer einer Nachrichtenredaktion bzw. als - zumindest nomineller, da meist doch mit Projektarbeit beschäftigter - Chef vom Dienst einer solchen gearbeitet habe).

    Nachrichtenredaktionen haben weder Zeit noch Lust, sich Geschichten auszudenken und dann mit entsprechenden Bildern und/oder O-Tönen zu dokumentieren. Es mag sein, dass die Korrespondenten und Reporter von Nachrichtenredaktionen gelegentlich interessengesteuerten Informanten zum Opfer fallen; das ist auch mir in meiner Zeit als Washingtoner Korrespondent passiert, und dass es möglich war, hat mit dem Zeitdruck zu tun, unter den die Erwartungen des Publikums die Nachrichtenleute stellen. Dass Nachrichtenredakteure jedoch selbst “kreativ” tätig werden, ist eher unwahrscheinlich - sie hängen am Thementropf von Associated Press, AFP, Reuters, Interfax etc.

  6. Parteibuch am 20. April 2008 um 19:11

    Hi Konstantin,

    es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie sehr Journalisten in Nachrichtenredaktionen selbst an den Unfug glauben, den sie berichten.

    Regelmäßig werden lustig zusammenschnittene Videos und Tonbänder von irgendwelchen unbekannten Leuten als “Botschaften von Al Kaida” präsentiert. Der ganze Blödsinn direkt aus der Feder der Geheimdienste, den die Nachrichtenredaktionen zu 9/11 verbreitet haben, wird auch regelmäßig als Tatsache verkauft. Und bei der Kampagne gegen das unfreie böse Venezuela, das einem Fernsehsender die Verlängerung der Lizenz verweigert hat, nur weil der federführend bei einem Putschversuch war, waren auch fast alle Redaktionen mit dabei.

    Vorgestern gab es in der Tagesschau einen Tischler und eine Demonstrantin aus Mexiko, die prima in den Plot von dummen ungebildeten Mexikanern passten. Und versuch nur eine deutsche Nachrichtenredaktion zu finden, die in den letzten Wochen nicht lauter Märchen zu Tibet “berichtet” hat. Nachrichtenredaktionen haben weder Zeit noch Lust, Geschichten der Agenturen hinterherzurecherchieren oder die Dinge zu berichten, die nicht zum Tenor des Konzept passen, das von den Agenturen vorgegeben wurde.

    Dass die Nachrichtenredaktionen sich diese Märchen nicht alle selbst ausgedacht haben, sondern nur die Märchen kolportiert haben, die sich “Kreative” in den “Redaktionen” von dpa, Associated Press, AFP und Reuters ausgedacht haben, ändert an der Substanz nichts - es sind Märchen.

    Schau Dir an, was gerade auf tagesschau.de an “Nachrichten” steht, der Papst betet an Ground Zero. Und dann lesen wir da:

    “Bei den Anschlägen im Jahr 2001 hatten islamistische Terroristen Verkehrsflugzeuge in ihre Gewalt gebracht und waren unter anderem mit zwei Maschinen in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York gerast.”

    Durch die häufige Wiederholung wird es nicht richtiger - das Verbrechen ist nach wie vor nicht aufgeklärt und das islamistische Terroristen die Täter waren alles andere als sicher. Wie haben es die islamistischen Terroristen nur fertiggebracht, die Luftabwehr der USA abzuschalten?

    Hat sich der Autor bei der Tagesschau mal die Mühe gemacht, das Pamphlet zu lesen, das die Kommission als Untersuchungsbericht der Flugzeugeinschläge publiziert hat? Nein, und das Ergebnis ist dieser tägliche Quatsch.

    Die Geschichten, die bei tagesschau.de heute im folgenden als “journalistische Leistungen” dargeboten werden, sind mindestens genauso abstrus. So sieht das aus, wenn niemand mehr recherchiert, sondern einfach nur noch Märchen erzählt werden.

    Zur Entschuldigung der Tagesschau sei gesagt, dass es da wenigstens hin und wieder Lichtblicke gibt, während die Suche nach einem Lichtblick in Quatsch der privaten Medien einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht.

    Sieh also meine Kritik bitte nicht als Böswilligkeit, sondern einfach nur als meine Meinung an.

    Gruß

    Ein Katzenfreund

  7. Konstantin am 20. April 2008 um 19:33

    Seufz.

    Die Luftabwehr der USA, um nur ein Beispiel aufzunehmen, musste nicht “ausgeschaltet” werden, da sie - wie die militärische Luftraumsicherung aller westlichen Länder - in Friedenszeiten zwar startbereit, aber am Boden auf Alarm wartet. Und der Alarm, und das lässt sich in allen Protokollen der zivilen Flugsicherung nachlesen, wurde erst ausgelöst, nachdem das zweite Flugzeug in das WTC gekracht war. In Washington, DC waren Abfangjäger unterwegs auf der Suche nach Maschine No. 3, kamen aber zu spät.

    Den Hinterleuten der Anschläge wird also in dieser Argumentation etwas zugetraut, was gar nicht getan werden musste. Dass dies im Falle USA - und auch in Europa - seit dem 11. September ein wenig anders geworden ist, und dass seitdem tatsächlich Flugabwehrwaffen rund um mögliche Ziele aufgestellt werden, haben wir den Angriffen vom 11. September zu verdanken.

  8. [...] Klein, zwölf Jahre Zulieferer einer Nachrichtenredaktion, schrieb im Beitrag Nochwas, wg. Tita & Tito: “Jedem Journalisten, wirklich jedem, ist schon mal eine Story untergejubelt worden, die er [...]

  9. Parteibuch am 20. April 2008 um 22:22

    Merkst Du, was Du da sagst:

    “In Washington, DC waren Abfangjäger unterwegs auf der Suche nach Maschine No. 3, kamen aber zu spät.”

    Ich will das mal umformulieren: Nachdem mit dem zweiten Einschlag ins WTC allgemein bekannt war, dass ein Angriff auf die USA stattfand, waren Abfangjäger über 40 Minuten, nämlich von 9:03h bis 9:43h nicht in der Lage ein Verkehrsflugzeug zu finden, von dem angenommen wurde, dass es als Waffe benutzt wurde und dann ausgerechnet - Überraschung -, in Washington im Pentagon einschlug.

    Das kann man nun glauben oder nicht glauben. Diejenigen, die für die “Pannen” verantwortlich waren, wurden anschließend befördert. Mehr dazu hier:

    http://www.medienanalyse-international.de/schluesselfrage.html

    Eine kriminalistische Untersuchung, die auch nur annähernd den Standards genügt, wie man sie an jedes andere Strafverfahren anlegt, wurde nicht durchgeführt. Die Zeugen - oder Tatverdächtigen - Georg W. Bush und Donald Rumsfeld wurden nicht einmal getrennt voneinander vernommen. Weitergehende Untersuchungen werden, obwohl Millionen von Menschen diese fordern, verweigert und zentrale Beweismittel wie Leichen, Flugschreiber und Funkverkehrs-Aufzeichnungen nach wie vor unter Verschluss gehalten.

    Es mag sein, dass es vernünftige Erklärungen gibt, nur aufgeklärt ist in diesem Kriminalfall noch nicht viel. Es wird aber in der Tagesschau trotzdem ständig so getan, als sei der Fall aufgeklärt. Das Märchen, die Anschläge seien aufgeklärt, wird durch die mediale Wiederholung jedoch nicht richtig.