Archiv für die Rubrik 'Culture Vulture'

Jun 25 2008

U+1E9E

Abgelegt von Konstantin Klein um 11:05 unter Culture Vulture, Reality Check

Es hat uns (eigentlich nicht wirklich) soooo gefehlt, jetzt ist es da:

Unicode 1E9E - das Große ß (mangels Umsetzung in den gängigen Webfonts nicht anders darstellbar)!

dpa berichtet gerade (es ist immer gut, ein Redaktionssystem vor der Nase zu haben), dass das Deutsche Institut für Normung DIN, die Erfinder von DIN A4 und anderen nützlichen Sachen, und die International Standards Organization ISO sich geeinigt haben, das Versal-ß in die Unicode-Zeichensätze aufzunehmen.

Die Rechtschreibregeln sind davon zunächst nicht betroffen. Sie sehen vor, dass das ß weiterhin in Großschreibweise als SS dargestellt wird. Obwohl dies der Logik der Groß- und Kleinschreibung widerspricht, wollten die internationalen Normungsgremien nicht daran rütteln und haben sich - wie zu hören ist nach kontroverser Diskussion - aus der deutschen Rechtschreibung lieber diplomatisch herausgehalten.

Na, dann ißt ja alles in Ördning.

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Jun 08 2008

Cavaliersdelikt

Abgelegt von Konstantin Klein um 23:30 unter Culture Vulture, On the Road

Keine Politik, schon gar kein Fussball - der Anlass für diesen Eintrag ist ein Beitrag in der Washington Post vom Sonntag, der Zeitung, die ich auch mehr als vier Jahre nach dem Ende meines Papier-Abos noch im Netz die Treue halte. Gerade die Sonntagsausgabe der Post bereitete mir damals soviel Lesevergnügen, dem Umfang und der Schreibe geschuldet, dass ich gelegentlich von morgens, neun Uhr, bis über Mittag hinaus nur Zeitung las.

Cavalier 2003Heute nun wieder so ein Beispiel für den erreichbaren und in diesem Lande doch viel zu seltenen Qualitätsjournalismus: A Cavalier Attitude, eine Reportage über Cavalier-Fans. Um dieses Lesestück voll zu genießen, braucht man etwas Zeit (das Stück ist über fünf Klickseiten verteilt!) und das Wissen, dass der Chevrolet Cavalier (Abb. bdebaca, Lizenz) zwar eines der erfolgreichsten US-Automodelle, aber gleichzeitig auch eines der schlechtesten in den USA gebauten Automobile war: billig, klapprig, schwachbrüstig (hatte selbst mal einen als Leihwagen. Weia!).

Das kann man so formulieren, wie ich es gerade getan habe - direkt, plump, ein wenig teutonisch. Man kann es aber auch formulieren, wie es Post-Reporter Neely Tucker tat:

The Cavvy wasn’t even bad enough to be a joke, like the AMC Gremlin, or a kitschy embarrassment, like the Chevette. It was just the cur of the compact rental fleet at the Airport at the End of the Mind, the joyless perk of the junior sales exec, the Motel 6 of the American automobile.

Wow. “…at the Airport at the End of the Mind…” - poetischer kann man die Gottverlassenheit eines Autoverleihs nicht beschreiben, der Cavaliers verleiht (ich hatte meinen damals übrigens von Avis, aber das nur nebenbei). Und so geht die Geschichte von Josh Detorie, der seinen Cavalier heute noch pflegt, pimpt und liebhat, auch weiter. Noch eine Leseprobe:

Detorie has his blue neon lights on the Cav, the doors open, talking, laughing, smoking. Sunday night, work looming tomorrow morning, the outer suburbs, a place in America where everything seems so real and so little seems possible.

Ich gebe zu, ich sentimentales Tränentier hatte bei einigen der Zeilen Tränen in den Augen. Weniger heulsusigen Menschen mit Sinn für gutes reporting und passablen Englischkenntnissen sei die Lektüre hiermit empfohlen.

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Mai 29 2008

Picnik im U-Bahnhof

Abgelegt von Konstantin Klein um 00:44 unter Culture Vulture, Net Life

Night Service

Ich bin doch für jeden Quatsch zu haben. Seit einiger Zeit bietet flickr für jedes Foto die Option an, es online zu bearbeiten. Ein Klick auf den entsprechenden Link öffnet das Foto im sogenannten Picnik-Modus, und man kann zumindest die gröbsten Schweinereien herauskorrigieren - auch wenn sich das weitgehend auf der Rote-Augen-Ebene abspielt.

Und jetzt zu dem Quatsch, für den ich lt. ersten Satz zu haben bin: Für $24,95/Jahr gibt es auch eine Pro-Mitgliedschaft bei Picnik, und da findet das Spielkind in mir alle möglichen Filter und andere Manipulationsmöglichkeiten. Und es beginnt zu spielen, online, und speichert das Ergebnis direkt im Flickr-Account (andere - amerikanische - Bilderdienste wie Picasaweb werden ebenfalls unterstützt).

Zum Vergleich: Hier findet sich das Original - im Vergleich zum Spielergebnis oben doch ein wenig bläßlich, nichwa?

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Mai 08 2008

Hut ab!

Abgelegt von Konstantin Klein um 00:33 unter Culture Vulture

Wahrscheinlich bin ich der Letzte, der das Video der Anklage gesehen hat, aber für’s Protokoll sei es gesagt:

Harald Schmidt ist doch noch groß.

Oliver Pocher - nächste Woche hat er’s begriffen!

Ein Satz, der über der gesamten Karriere des Angeschissenen stehen kann. Danke für den ebenso undisziplinierten wie überfälligen Ausbruch!

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Apr 24 2008

Meet the Press

Abgelegt von Konstantin Klein um 07:25 unter Culture Vulture

Gerade eben in meiner Mail gefunden: eine Kurzcharakteristik der US-amerikanischen Presselandschaft. Zwar kommt die Liste aus einer eher medienkritischen Ecke, in der man alle Medien außer vielleicht das Fox Network für vom Bösen ferngesteuert hält, aber grinsen musste ich doch:

  1. The Wall Street Journal is read by the people who run the country.
  2. The Washington Post is read by people who think they run the country.
  3. The New York Times is read by people who think they should run the country and who are very good at crossword puzzles.
  4. USA Today is read by people who think they ought to run the country but don’t really understand The New York Times. They do, however, like their statistics shown in pie charts.
  5. The Los Angeles Times is read by people who wouldn’t mind running the country — if they could find the time — and if they didn’t have to leave Southern California to do it.
  6. The Boston Globe is read by people whose parents used to run the country and did a poor job of it, thank you very much.
  7. The New York Daily News is read by people who aren’t too sure who’s running the country and don’t really care as long as they can get a seat on the train.
  8. The New York Post is read by people who don’t care who is running the country as long as they do something really scandalous, preferably while intoxicated.
  9. The Miami Herald is read by people who are running another country but need the baseball scores.
  10. The San Francisco Chronicle is read by people who aren’t sure if there is a country or that anyone is running it; but if so, they oppose all that they stand for. There are occasional exceptions if the leaders are handicapped minority feminist atheist dwarfs who also happen to be illegal aliens from any other country, or galaxy, provided of course, that they are not Republicans.
  11. The National Enquirer is read by people trapped in line at the grocery store.
  12. The Minneapolis Star Tribune is read by people who have recently caught a fish and need something in which to wrap it.

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Apr 18 2008

Nochwas, wg. Tita & Tito

Abgelegt von Konstantin Klein um 18:55 unter Culture Vulture, Reality Check

Nicht, dass mir mein Schweigen in der Sache Tito vs. Tita noch als schlechtes Gewissen des Journalisten oder gar heimliche Solidarisierung mit der einen oder anderen Seite ausgelegt wird…

Zunächst: Ich finde Sendungen wie Polylux reichlich überflüssig. Andererseits finde ich die Mehrheit der Sendungen im Fernsehen reichlich überflüssig; Polylux befindet sich da in guter Gesellschaft.

Dann, wie ein Journalistenkollege im oben verlinkten Beitrag so richtig schreibt:

Journalisten können veräppelt werden - was für eine Überraschung.

Es gehört zwar zum journalistischen Berufsbild, sich möglichst nicht veräppeln zu lassen, und die eine oder andere Technik, dieses Ziel zu erreichen, lernt man auch - im Volontariat oder eben später, durch Vorfälle wie diesen.

Journalisten sind aber nicht der Papst und können sich nicht auf ihre Unfehlbarkeit berufen - auch wenn es eine Reihe von Kollegen gibt, die da päpstlicher sind als der Papst. Und Journalisten sind - wie alle anderen Menschen - gelegentlich faul, nachlässig, überfordert. Dass es welche gibt, die aus Gebührengeldern bezahlt werden, macht aus ihnen noch keine oberste Instanz (auch so etwas, über das ich mich stundenlang auskotzen könnte: “Dafür zahle ich keine Gebühren!” Geh mir doch weg.).

Anders ausgedrückt: Jedem Journalisten, wirklich jedem, ist schon mal eine Story untergejubelt worden, die er im Nachhinein anders und, wenn’s geht, besser gemacht hätte. Die meisten der Kollegen hatten nur das Glück, nicht an selbstgerechte Arschlöcher wie das Kommando TvH geraten zu sein, die den Fehltritt dann genüsslich ausbreiten.

Der Kern der Sache ist doch ein ganz anderer: Polylux ist nicht Panorama. Polylux ist eine Unterhaltungssendung. Kein Mensch käme auf die Idee, einem TV-Mutanten wie Florian Silbereisen mangelnde Recherche vorzuwerfen oder Gottschalks Saalwetten auf ihre gesellschaftliche Relevanz hin abzuklopfen. Eine Polylux-Story hat mit dem realen Leben des Zuschauers so viel zu tun wie die Modestrecken der Cosmopolitan.

Ein Freibrief für, sagen wir: kreativen Journalismus?

Nö. Aber wenn wir uns mit den zugegeben schwieriger werdenden Bedingungen für Journalisten unter starkem Spardruck beschäftigen wollen, sollten wir mit den relevanteren, den Leitmedien beginnen. Hat da jetzt wer “Süddeutsche” gerufen?

Denn dort scheint es, der Berichterstattung im und über das Netz nach zu schließen, noch nicht einmal für einen DSL-Anschluss zu reichen.

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Mrz 06 2008

Nachtgedanken

Abgelegt von Konstantin Klein um 00:03 unter Culture Vulture

Mist! Jetzt hab ich’s im Kopf und kriegs nicht mehr raus:

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.

Vielen Dank, Ringelnatz (1923)! Der Abend ist gerettet.

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Feb 06 2008

RetroRadio oder Ein Stellengesuch

Abgelegt von Konstantin Klein um 01:18 unter Culture Vulture, Reality Check

Vor 24 Stunden hatte ich die Hälfte einer ärztlich verordneten Warte- und vor allem Wachzeit hinter mir. Hintergrund: Ein Stress-EEG war notwendig geworden, so etwas wie das Gegenstück zum Belastungs-EKG. Der Stress wurde durch eine Nacht Schlafentzug und ein frühmorgendliches Blitzebombardement erzeugt. Falls es jemand interessiert: Meine Birne und deren Inhalt sind noch immer stressresistent, thank you very much. Aber darum geht es jetzt gar nicht.

Die Wachzeit verbrachte ich im Aufenthaltsraum von Station 11 eines Berliner Krankenhauses, allein mit einem Buch und meinem iPod. Auf dem iPod Musik aus den letzten sieben Jahrzehnten, mit klarem Schwerpunkt in den siebziger bis neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also der Zeit, in der ich mit großer Begeisterung und - glaube ich - einigem Erfolg selbst Radio gemacht habe.

Mag es die nächtliche Einsamkeit oder die Aussicht auf etwas mehr Klarheit über den eigenen Gesundheitszustand sein - seit gestern morgen beutelt mich die Radio-Nostalgie. Ich wünsche mir ein Radio, dessen Moderatoren mehr mitbringen müssen als pathologisch gute Laune, dessen Programmverantwortliche noch nicht dem Wahn verfallen sind, nur ein Markt von fast ununterscheidbaren Programmen sei ein echter Markt, ein Radio, auf dessen Musik-Playlists nicht lauter mir zu Recht Unbekannte stehen (OK, die Achtziger hatten Stock-Aitken-Waterman, also war auch damals nicht alles Gold!), und dessen Budget und/oder Infrastruktur noch Journalismus zulässt. Ich wünsche mir ein gutes, hörbares, hörenswertes Radio. Und finde zumindest im Berliner Markt auf der einen Seite nur die Kopien der Kopie der Kopie des erfolgreichsten Formatprogramms ever, auf der anderen Seite Sparten- und Splitterprogramme, denen sofort anzuhören ist, warum sie nur von wenigen tausend Hörern ertragen werden.

Am erträglichsten im Berliner Angebot ist aus meiner Sicht - wenig überraschend - Radio Eins. Aber ich will auch kein Radio, das erträglich ist, sondern eines, das zu hören wirklich Freude macht.

Notfalls würde ich’s ja selbst machen…

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Dez 05 2007

Glaubenssache

Abgelegt von Konstantin Klein um 16:43 unter Culture Vulture

Auch für einen weniger Gläubigen ist schön, was US-Autor Garrison Keillor über die Weihnachtsgeschichte und ihre Bedeutung für Christen zu sagen hat:

This magical story is a cornerstone of the Christian faith and I am sorry if it’s a big hurdle for the skeptical young. It is to the Church what his Kryptonian heritage was to Clark Kent — it enables us to stop speeding locomotives and leap tall buildings at a single bound, and also to love our neighbors as ourselves. Without the Nativity, we become a sort of lecture series and coffee club, with not very good coffee and sort of aimless lectures.

Die ganze Geschichte bei Salon.com.

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Nov 22 2007

Ruhe!

Abgelegt von Konstantin Klein um 08:24 unter Culture Vulture, Sad and Beautiful

Wieder eine Nachricht, die im allgemeinen Gedudel untergegangen ist: Nach einem Bericht von Salon.com war gestern in Greatest of all Britains (not that there are many) No Music Day, und schon zum dritten Mal.

On No Music Day:
No hymns will be sung.
No records will be played on the radio.
iPods will be left at home.

No Music Day exists for various reasons. You may have one.

Salon.com zufolge haben sich selbst aus den direkt betroffenen Industrien (speziell Radio) erstaunlich viele (also wahrscheinlich eine Handvoll) Menschen dem Aufruf angeschlossen, der ganz speziellerweise von Bill Drummond ausging, der als Teil der Künstlergruppe KLF durchaus seinen Teil zur akustischen Veränderung des Alltags beigetragen hat.

Soweit dieses. Ich muss zur Arbeit. Wo ist mein iPod?

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